In Vorbereitung unserer Kundgebung ›100 Jahre Kapp-Putsch – 100 Jahre Generalstreik – Massenstreik gegen Faschismus und Militarismus‹ am 14. März 2020 führten wir nachfolgende Interviews:
Martina Renner (MdB, DIE LINKE) fragten wir nach ihren Kenntnissen über das Einsickern rechter Netzwerke in Bundeswehr und Polizei:
Reiner Zilkenat (Historiker): Wer waren die Putschisten und ihre Hintermänner?
Wenige Tage nach dem Interview verstarb Reiner Zilkenat. Nachruf
Bernd Langer (Kunst und Kampf):Welche politischen Einstellungen hatten die Militärs, die 1920 gegen die Republik putschten?
https://1918unvollendet.de/wp-content/uploads/2022/06/Banner_Kapp-Putsch.jpg4801200Koordination 1918 unvollendethttps://1918unvollendet.de/wp-content/uploads/2024/08/Logo_1918unvollendet_RGB-02.svgKoordination 1918 unvollendet2020-06-06 11:18:382024-09-05 11:05:0520.02.2020 | Interviews mit Martina Renner, Reiner Zilkenat, Bernd Langer zur Vorbereitung der Kundgebung ›100 Jahre Kapp-Putsch – 100 Jahre Generalstreik – Massenstreik gegen Faschismus und Militarismus‹
Rechtsradikale monarchistische Militärs hatten geputscht. Soldaten, die noch immer nicht verstanden hatten, dass sie sich im Kriege unter den Parolen von der ›Ehre des Kaisers‹ und der ›Größe des Vaterlandes‹ hatten missbrauchen lassen für die Eroberungspläne des deutschen Großbürgertums, waren seit Ende 1918 in Scharen in die Freikorps geströmt, die die Offiziere zur Bekämpfung der verhassten Revolution aufgestellt hatten.
Jetzt, 16 Monate nach dem Sturz der Monarchie durch die Novemberrevolution 1918, fühlten sich die rechtsradikalen Militärs wieder mächtig genug, die ungeliebte junge Republik der ›Novemberverbrecher‹ zu beseitigen. Die Freikorps waren erstarkt an den Aufgaben, die die SPD-geführte Reichsregierung und ihr Reichswehrminister Noske ihnen zugewiesen hatten: der Massakrierung aller revolutionären Ansätze, die die Parole von der ›sozialistischen Republik‹ ernst genommen hatten, von den großen Streiks für die Sozialisierung von Bergbau und Industrie im Ruhrgebiet, in Mitteldeutschland und in Berlin bis zu den Räterepubliken in Bremen und München. Dabei waren sie auf 400.000 Mann angewachsen.
Anfang 1920 sollte die Reichswehr, die aus den Freikorpsverbänden hervorgegangen war, gemäß dem Versailler Friedensvertrag auf 100.000 Soldaten reduziert werden – an der Auflösung überzähliger Truppeneinheiten kam man jetzt nicht mehr vorbei. So traf es auch die Marinebrigade Erhardt, die sich bei den Massenmorden in München hohe Verdienste erworben hatten. Dem ›Vater der Freikorps‹, General von Lüttwitz, ging das entschieden zu weit – er verlangte von Reichspräsident Ebert die Rücknahme des Auflösungsbeschlusses und seine eigene Einsetzung als Oberkommandierender. Als dies abgelehnt wurde, marschierte die Brigade Erhardt am 13. März 1920 durchs Brandenburger Tor und besetzte die Regierungsgebäude. Weil keine Militäreinheit bereit war, die Regierung zu verteidigen, floh diese nach Stuttgart, hinterließ aber den Aufruf zum Generalstreik.
Der politische Kopf der Putschisten, Generallandschaftsdirektor Kapp, Mitglied der Deutschnationalen Volkspartei und des Aufsichtsrats der Deutschen Bank, erklärte Regierung und Parlament für aufgelöst und ernannte sich zum Reichskanzler. Sein Programm sah eine Kanzlerdiktatur vor und den Einbau aller Verbände einschließlich der Gewerkschaften in einen hierarchischen Korporativstaat. Für die Gewerkschaften war klar, dass das ihren Untergang bedeuten würde, und so erließ der Vorstand der freien Gewerkschaften unter ihrem Vorsitzenden Carl Legien noch am selben Tag einen zusätzlichen Generalstreikaufruf, dem sich noch andere Gewerkschaften anschlossen.
Seit dem Krieg und den Massenmorden Anfang 1919 waren die Militärs bei der Arbeiterschaft über alle Maßen verhasst. Die Arbeiterschaft sah jetzt auch noch den Achtstundentag und ihre demokratischen Freiheiten bedroht, die sie sich in der Novemberrevolution erkämpft hatte, und trat umgehend in den Streik. Der Eisenbahnverkehr wurde stillgelegt, es fuhren keine Busse und Straßenbahnen mehr, es gab keine Zeitungen, keine Post und keine Telefonvermittlung, alle Fabriken und Behörden standen still – in Berlin wurde sogar die Versorgung mit Strom und Gas unterbrochen, Wasser gab es nur noch an öffentlichen Brunnen. Die Putschisten saßen bei Kerzenschein in der Reichskanzlei und es fanden sich keine Beamten, die ihre Anweisungen ausführten – auch die Lohnzahlungen für die Truppen wurden abgelehnt. Drohungen mit der Todesstrafe für Streikposten und antisemitische Hetze fruchteten nichts.
Am 17. März floh Kapp nach Schweden, einen Tag später gab auch von Lüttwitz auf. Das Militär hatte sich zu großen Teilen den Putschisten angeschlossen und war gegen streikende Arbeiter vorgegangen. Im rheinisch-westfälischen Industriegebiet, in Mitteldeutschland um Halle und Merseburg, in Teilen von Thüringen, Sachsen, Brandenburg, Mecklenburg und Pommern griffen die Arbeiter zu den Waffen, um sich zu verteidigen. Die Bergarbeiter im Ruhrgebiet schlugen die anrückenden Freikorps zurück und es bildete sich spontan und parteiübergreifend eine Rote Ruhrarmee mit über 50.000 Mann, die nach einigen Tagen das gesamte Ruhrgebiet befreit hatte. Örtliche Arbeiterräte übernahmen die Verwaltung.
„Die Rotarmisten waren fröhlich, voller Zuversicht, überzeugt von der Richtigkeit ihrer Sache. Sie scherzten und waren guter Dinge. Es waren Arbeiter aller Berufe, sehr viele junge Menschen, aber auch viele ältere, die in ihrem Leben und Kampf Erfahrungen gesammelt hatten. Unter ihnen waren auch viele Frauen. Bekleidet mit weißen Kitteln und roten oder weißen Kopftüchern, pflegten sie in diesen Tagen die Verwundeten.“Milli Bölke
In und um Berlin kam es vielerorts zu handgreiflichen Auseinandersetzungen und Straßenkämpfen zwischen der aufgebrachten Arbeiterschaft und den Putschisten, denen sich auch bürgerliche Einwohnerwehren angeschlossen hatten; so wurden in Schöneberg, Steglitz, Mitte, Charlottenburg, Neukölln, Köpenick und Kreuzberg zahlreiche Demonstranten erschossen, bewaffnete Arbeiter wurden in Lichtenberg grausam ermordet.
„ Ein scharfer Zusammenstoß erfolgt an der Ecke der Invaliden und Brunnenstraße. Eine Militärabteilung, die mit klingendem Spiel durch die Straßen zieht, wird von der Menge mit Steinen und Handgranaten beworfen, einigen Soldaten werden die Waffen entrissen. Truppen mit Maschinengewehren und Flammenwerfern eilen zur Hilfe und eröffnen ein scharfes Gewehrfeuer. Vier Personen werden getötet.“Berliner Tageblatt
Einige Offiziere wurden entwaffnet und gelyncht. Als Putschistentruppen nach ihrer Niederlage durch das Brandenburger Tor abzogen, verhöhnte sie die Menge – Schüsse und 12 Tote waren die Antwort. Etwa 200 Menschen kostete der Putsch allein in Berlin das Leben.
Die Arbeiterschaft gab sich mit dem Aufgeben der Putschisten nicht zufrieden – der Streik dauerte an, weil eine Wiederholung ausgeschlossen werden sollte und man endlich das sozialistische Versprechen verwirklicht sehen wollte. Erst nachdem die Gewerkschaften in Verhandlungen mit der Regierung Zugeständnisse erhalten hatten für die Inangriffnahme der Sozialisierung und Bestrafung der Putschisten, ging der Generalstreik am 23. März zu Ende. Von den Versprechungen wurde jedoch nichts umgesetzt.
„In Recklinghausen inszenierte ein Unteroffizier vor einer zusammengelaufenen Zuschauermenge, darunter Kinder, die Erschießung von vier Bergleuten. Der erste musste ein Loch ausheben, sich dann am Rande davor aufstellen und ›Üb immer Treu und Redlichkeit‹ singen; während er sang, feuerte das Kommando auf ihn, so dass er in das Loch kippte. Der nächste musste ihn zuschaufeln, sich dann sein eigenes Grab schaufeln und so fort.“Erhard Lucas, Historiker
Das Ruhrgebiet allein konnte sich nicht halten, und eine Vereinbarung zur Waffenabgabe sabotierten die Militärs, so dass die Kämpfe dort andauerten. Alles verfügbare Militär, auch die Putschtruppen, setzte die von der Arbeiterschaft gerettete, SPD-geführte Reichsregierung nun gegen das Ruhrgebiet in Marsch. Die Freikorps rächten sich grausam für ihre Niederlage. Die meisten der etwa 1.000 Opfer wurden nach den Kämpfen bestialisch misshandelt und erschossen – viele mussten sich ihre eigene Grube schaufeln. Auch Sanitäterinnen wurden umgebracht. Die Mordmethoden der Nazis sind hier gewachsen. Bei den folgenden Reichstagswahlen im Juni 1920 stürzte die SPD ab: von den elfeinhalb Millionen Wählern 1919 blieben ihr nur noch sechs Millionen. Die Anhängerschaft der USPD nahm sprunghaft zu. Der gegenseitige Hass zwischen den beiden Lagern der Arbeiterbewegung wurde so stark, dass er sich nicht mehr überwinden ließ.
Der Generalstreik gegen den Kapp-Putsch hatte der SPD-Führung deutlich vor Augen geführt, wie eine solche gemeinschaftliche Aktion der gesamten Arbeiterschaft sich radikalisieren kann. In der Endphase der Weimarer Republik, während der Wirtschaftskrise, beim Papen-Putsch gegen die Preußische Regierung, bei der Machtübergabe an die faschistischen Terrorbanden unterließen die Führungen von SPD und Gewerkschaften alle Mobilisierungen, die geeignet gewesen wären, in revolutionäre Richtung aus dem Ruder zu laufen – statt das Risiko eines aus der Massenbewegung geborenen Sozialismus einzugehen, vertrösteten sie sich und ihre Mitglieder, der Faschismus werde auch wieder vorübergehen, wie ja die Sozialistengesetze (Verbotsphase 1878 bis 1890) auch vorübergegangen waren. Ein tödlicher Irrtum. Die Schuld schoben sie der spalterischen Politik der schwachen KPD in die Schuhe. In den Konzentrationslagern sah man sich wieder.
Wir Heutigen sollten daraus den Schluss ziehen, dass wir bedrohliche politische Entwicklungen abwehren können, wenn alle zusammenhalten. Wenn sich alle einzeln wegducken, kommt es nur noch schlimmer.
Mittwoch 11. März 2020 | 19 Uhr Klaus Gietinger: Kapp-Putsch März 1920 – Abwehrkämpfe in Berlin und anderswo Galerie Olga Benario, Richardstr. 104, Berlin-Neukölln
Pünktlich zum 100. Jahrestag rollt Klaus Gietinger die Geschichte des Militärputsches und der Abwehrkämpfe neu auf, liefert kaum bekannte Fakten.
Ein wichtiges, vergessenes Kapitel deutscher Geschichte: Der Versailler Vertrag verlangte die Reduzierung der Reichswehr und die Auflösung der konterrevolutionären Freikorps. Die Reichsregierung kam dem nach. Daraufhin putschten die Freikorps. Wolfgang Kapp, Aufsichtsrat der Deutschen Bank, rief sich zum Reichskanzler aus. Die Regierung floh, kurz vorher hatten die SPD-Mitglieder ihre Namen unter einen Generalstreik-Aufruf setzen lassen. Der größte Streik, den Deutschland je sah, folgte. Zahlreiche Reichswehr-Kommandeure sympathisierten mit den Putschisten. Die Brigade Ehrhardt hatte Berlin zwar besetzt, doch sie war ohne Strom, ohne Wasser und ohne Zeitungen. Wahllos schossen die Putschisten in Demonstrationen. In Hennigsdorf, Spandau, Köpenick und Adlershof kam es zu bewaffneten Kämpfen mit Arbeitern. Nach fünf Tagen mussten die Obristen aufgeben. Die Regierung kehrte in die Hauptstadt zurück.
In Köpenick und Adlershof gaben sich die Hakenkreuzler jetzt als Regierungstruppen aus und ermordeten die, die die Waffen niederlegten.
Auch in Mitteldeutschland und im Ruhrgebiet war es zu erfolgreichen Kampfaktionen gegen die Freikorps gekommen. Der Pott wurde befreit. Es bildete sich eine Rote Ruhrarmee aus der SPD-, USPD- und KPD-Basis und den Syndikalisten, mit bis zu 80 000 Kämpfern. Teils waren Bürgerliche beteiligt. Man wollte eine Volkswehr, die Bestrafung der Putschisten und Sozialisierung. Carl Severing (SPD) schloss mit den Arbeitern ein Abkommen, das Zugeständnisse machte. Aber nicht nur General von Watter, der kommandierende Militär wollte kein Abkommen. Und die Freikorps, die meisten schon mit Hakenkreuz am Stahlhelm, bekamen jetzt von der geretteten Regierung freie Hand …
https://1918unvollendet.de/wp-content/uploads/2024/08/Logo_1918unvollendet_RGB-02.svg00Koordination 1918 unvollendethttps://1918unvollendet.de/wp-content/uploads/2024/08/Logo_1918unvollendet_RGB-02.svgKoordination 1918 unvollendet2020-01-20 23:23:392024-09-05 11:04:4411.03.2020 | Kapp-Putsch März 1920 – Abwehrkämpfe in Berlin und anderswo | Veranstaltung mit Klaus Gietinger
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